Startseite | Kontakt | Sitemap | Impressum | Suche | A A A |  | 
Willkommen auf der Website der Universitätsstadt Freiberg
 
Stadt Freiberg | Stadtverwaltung | Bürgermeister

Neujahrsempfang der Stadt Freiberg 2012 - Ansprache des Oberbürgermeisters



Liebe Freibergerinnen und Freiberger, verehrte Gäste,

…. Generalmusikdirektor Jan Michael Horstmann und die mittelsächsische Philharmonie mit Ponchiellis „Tanz der Stunden“ - der Musik zu einem klassischen Ballett aus der Oper „la Gioconda“, bei dem zwölf Tänzerinnen oder Tänzer im Kreis die Stunden einer Uhr symbolisieren und zwei in der Mitte die Stunden- und Minutenzeiger. Der Lauf der Zeit wird mit diesem Bild musikalisch wunderbar erfasst. Mit Zeitsprüngen durch Jahrhunderte ist ein Ballett aber sicher überfordert und deshalb begeben wir uns auf eine gedankliche Zeitreise.

Ich begrüße sehr herzlich alle engagierten und interessierten Bürgerinnen und Bürger und Gäste unserer Stadt, Vorstände und Geschäftsführer von Unternehmen und Banken, Leiter von Institutionen, Behörden und Schulen, Vertreter von Kirchgemeinden und Vereinen zum Neujahrsempfang der Universitätsstadt Freiberg.
Ein besonderer Gruß gilt


  1. dem Sächsischen Regierungssprecher, Staatssekretär Johann-Adolf Cohausz als Vertreter unseres Ministerpräsidenten und Schirmherren für 850 Jahre Freiberg im Festjahr 2012,
  2. unserer Bundestagsabgeordneten Veronika Bellmann,
  3. den Mitgliedern des sächsischen Landtages
    Prof. Martin Gillo, Dr. Jana Pinka und Benjamin Karabinski,
  4. unserem Landrat Volker Uhlig und seinen Beigeordneten,
  5. dem Oberberghauptmann des Sächsischen Oberbergamtes Freiberg, Prof. Bernhard Cramer+ seinem Amtsvorgänger Prof. Reinhard Schmidt
  6. dem Rektor unserer Technischen Universität Bergakademie Freiberg, Magnifizenz Prof. Bernd Meyer,
  7. unserem Ehrenbürger Prof. Peter Woditsch,
  8. den Vertretern unserer Partnerstädte aus Clausthal-Zellerfeld, Darmstadt, Delft, Pribram und Walbrzych und dabei insbesondere dem Vertreter des Darmstädter
    Oberbürgermeisters, Bürgermeister Rafael Reißer und dem Bürgermeister von Clausthal-Zellerfeld, Wolfgang Mönkemeyer,
  9. meinen Amtskollegen aus dem Landkreis Mittelsachsen,
    den Oberbürgermeistern Dr. Martin Antonow aus Brand-Erbisdorf und Matthias Damm aus Mittweida,
  10. den Bürgermeistern Udo Eckert aus Weißenborn, Dieter Greysinger aus Hainichen, Reiner Hentschel aus Frauenstein, Volkmar Schreiter aus Großschirma, Reiner Stierl aus Mulda, Werner Schubert aus Großhartmannsdorf und Helmut Zönnchen aus Oberschöna, Dr. Steffen Laub aus Olbernhau,
  11. und ein ganz herzliches Willkommen natürlich auch den Kreis-, Stadt- und Ortschaftsräten, den Jugendparlamentariern, den Bürgerpreisträgern sowie Kunst- und Jugendpreisträgern aller Jahrgänge, den verdienstvollen, heute hier auf der Leinwand präsentierten Bürgerinnen und Bürgern und unserer Bergstadtkönigin.

Liebe Freibergerinnen und Freiberger, verehrte Gäste,

wenn Kunz von Kauffungen in einer beeindruckenden Video-Projektion auf dem Obermarkt unter den Augen von Otto dem Reichen Freibergs Schatz rauben will, wenn mehr als 3000 Besucher zu Silvester das Steigerlied singen und ausgelassen das neue Jahr begrüßen, dann sind das neue Dimensionen für einen Jahreswechsel in unserer Stadt. Die Silvesterparty war als Auftakt zum Jubiläum „850 Jahre Freiberg“ wirklich etwas Besonderes. Aber schließlich erinnern wir mit vielfältigen Veranstaltungen an die Besiedlung des Freiberger Landes und das damals gefundene Silbererz. Es gibt guten Grund, das auch gebührend zu feiern, denn das Silber brachte Reichtum und Wohlstand für das ganze Land und der „Tag der Sachsen“ ist deshalb auch ein besonderer Höhepunkt in unserem „Jahr der Jahrhunderte“.

Verwirrung stiftet in weiten Kreisen aber nach wie vor die Tatsache, dass wir 2012 bereits 850 Jahre Freiberg feiern. Über die Erläuterungen von Mitgliedern des Altertumsvereins hinaus gibt es da noch einen ganz besonderen Aspekt, den ich Ihnen heute hier erstmalig zur Kenntnis geben kann.
Im April 2011 hatte ich Gelegenheit, Prof. Rolf-Dieter Heuer, den Generaldirektor der Europäischen Vereinigung für kernphysikalische Forschung in der Schweiz (genannt: CERN), im Rathaus begrüßen zu dürfen und auch der Termin unseres Jubiläums „850 Jahre Freiberg“ spielte dabei eine Rolle.
Unmittelbar danach hielt Prof. Heuer an der Bergakademie einen Vortrag zum Thema: „Einblicke in das frühe Universum“. Und bereits im September ging eine Sensationsmeldung um die Welt, die den Kern der Relativitätstheorie in Frage stellen könnte: Schweizer Forscher haben Elementarteilchen entdeckt, die schneller als das Licht sind und damit Zeitsprünge ermöglichen. Es wird vermutet, dass sie in anderen Dimensionen einfach eine Abkürzung nehmen. Auswirkungen auf die Physik können nicht sofort abschließend erklärt werden. Das Interesse an Freiberg ist aber hinsichtlich folgender Zeitreihe sehr groß: 1938-750 / 1986-800 / 2012-850!
Vielleicht entwickelt sich Freiberg ja in anderen Dimensionen?
Bitte spekulieren Sie unter diesen Vorzeichen jetzt aber nicht darüber, was es bedeuten könnte, dass sich am 7. Dezember mit Sigmund Jähn und Thomas Reiter die ersten deutschen Weltraumfahrer im Rathaus in das goldene Buch unserer Stadt eingetragen haben ... Sehen wir das einfach als „würdigen Abschluss“. Denn immerhin waren wir ja im vergangenen Jahr „über den Wolken“; keineswegs abgehoben über den Dingen, nur wegen des richtigen Überblicks, weil der Kopf dann eben nicht in den Wolken steckt.

Das Motiv für diesen Neujahrsempfang sind Schriftzüge des Wortes „Freiberg“ im Wandel der Zeit. Dem Jubiläum entsprechend also ein grafischer Streifzug durch acht Jahrhunderte, verbunden mit einem Herz aus Silber. Schrift ist eine der größten Leistungen der Menschheit und bei einer Zeitreise mit Einblendungen aus der Stadtgeschichte als Sinnbild der Veränderung sicher angemessen. So, wie das Herz aus Silber, das den Freibergern immer wieder mal bis zum Hals schlägt, aber nie in die Hose rutscht und vor allem die beständige Entwicklung unserer Stadt symbolisiert.
Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über...sehen Sie es mir nach, wenn ich hier nur Weniges in Fragmenten betrachten kann und wenn im Zug der Zeit aktuelle Bezüge zur Geschichte und zur Neuzeit unserer Stadt natürlich nicht nur reizvoll, sondern unumgänglich sind.

Vor 850 Jahren, zu Beginn der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts ließ Markgraf Otto von Meißen im heutigen Freiberger Land für die Siedlungen Christiansdorf, Tuttendorf und Bertelsdorf Wald roden und übertrug sie dem Kloster Altzella. Als auf Christiansdorfer Flur 1168 silberhaltiges Erz entdeckt wurde, holte sich Otto, später der Reiche genannt, diese Dörfer zurück, um selbst Bergbau betreiben zu können. Er setzte damit eine Entwicklung in Gang, die Freiberg bereits nach wenigen Jahrzehnten zur größten Stadt der Mark Meißen machte und den Wohlstand der ganzen Region begründete. Heute gehört Tuttendorf zu Halsbrücke und Bertelsdorf zu Weißenborn. Diese Gemeinden waren gemeinsam mit Muldenhütten / Hilbersdorf Jahrhunderte lang klassische Industrievororte unserer Stadt. Halsbrücke ist heute - durch eine Rehaklinik in Hetzdorf - nach Eingemeindung von Niederschöna – offiziell sogar ein Kurort in Sachsen, obwohl es traditionell seit 400 Jahren ein Hüttenstandort ist. Weißenborn ist in einer Verwaltungsgemeinschaft mit Lichtenberg, nur Muldenhütten gehört inzwischen doch zu Freiberg, allerdings ohne die Hilbersdorfer Bürger, die nun nach Bobritzsch gehen. Dabei stünde doch gerade den ehemaligen Ratsdörfern, oder besser den Orten des früheren Freiberger Bergbaureviers, der Name „Vorort“ auch zu eigenem „Nutz und Frommen“ gut zu Gesicht. Die Besiedlung unserer Region und die Entwicklung der Stadt Freiberg vom Silber zum Silizium war und ist eine Erfolgsgeschichte, aber es gab und gibt eben auch im Freiberger Land immer schon genutzte und verschwendete Zeit. Dabei geht es bei möglichen Gemeindezusammenschlüssen nicht einfach um Größe oder gar Eitelkeiten. Es geht für uns alle um einen kommunalen Standortwettbewerb im großen Stil. Der Ausgang dieses Wettbewerbes wird langfristig über Wohl und Wehe aller Bürger im Freiberger Land entscheiden. Wir haben mit dem großen Potenzial des Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturstandortes Freiberg auch zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz eine Chance. Wir müssten sie nur noch nutzen!

Freiberg hat wie kaum eine andere vergleichbare sächsische Stadt eine Fülle vollendeter Denkmale europäischen Ranges. Allein am Dom St. Marien und auch anderen Orts künden Baudenkmale und andere meisterhafte Exponate vom hohen Stellenwert unserer Stadt in der sächsischen Geschichte. Freiberg war und ist aber nicht nur eine Schatzkammer Sachsens, Freiberg hat mit der terra mineralia und dem Stadt- und Bergbaumuseum auch Schatzkammern und der Fremdenverkehrsverein warb schon vor hundert Jahren selbstbewusst: Wer Sachsen kennen will, muss Freiberg gesehen haben.
Im 13.Jahrhundert war Freiberg wirtschaftlicher Mittelpunkt und zugleich die bevölkerungsreichste Stadt der Mark Meißen. Stadt- und Bergverfassung waren eine Beispiel gebende Einheit und bürgerliche Autonomie hatte einen hohen Stand. Nach einer Krise im Bergbau des 14. Jahrhunderts verlor Freiberg dann wegen der Abwanderung von Kapital im 15. Jahrhundert seine führende Wirtschaftsposition in Sachsen an Leipzig.

Doch im 16. Jahrhundert hat Herzog Heinrich der Fromme, der von 1505 -1539 auf Schloss Freudenstein lebte, schon gesagt:„Wenn Leipzig mein wäre, wollt ich es (er meint den Ertrag) in Freiberg verzehren“. Heinrich der Fromme, der zwei Jahre das albertinische Sachsen regierte und die Begräbniskapelle der Wettiner im Dom begründete, hatte natürlich nicht nur einen guten Geschmack, denn sein langjähriger Vorgänger im Amt des Regenten, Georg von Sachsen sagte einmal: „Leipzig trägt im Jahr dreimal, Freiberg jedoch viermal Frucht“. Bürgermeister Sigismund Röling berichtete 1593 an die kurfürstlichen Räte in Dresden: „Es haben die löblichen lieben Alten dieser Lande die Bergwerke des Landes Herz (wie auch recht und billig) genannt und ist auch die Wahrheit, denn durch die Bergwerke hat Gott diese Lande erhoben, und wegen der reichen guten Münze haben sich alle Gewerbe im Lande gewaltig gebessert, in allen Städten, Flecken und Dörfern die Mannschaft groß erweitert“.

Ein späterer Nachfolger im Amt, ein Georg von Sachsen des 21. Jahrhunderts, in dessen Regentschaft die Situation in Freiberg und Leipzig auch ohne Bergbau im Verhältnis durchaus ähnlich war, honorierte das nicht. Statt dessen gab es unter Milbradt die Entwicklung einer „Reichensteuer“ für so genannte „abundante“ Kommunen, was soviel heißt, wie im Überfluss leben, reichlich vorhanden. Es ist eine Solidarmaßnahme, über die wir uns auch nicht beklagen. Sie hat nur den Fehler, als Sondersteuer für so arme Städte wie Leipzig und Dresden nicht zur Anwendung zu kommen. Freiberg hat aber allein bis 2011 immerhin schon rund 10 Mio. EUR gezahlt. Das ist vergleichsweise die Hälfte der Mittel, die beim Bau des Schlossplatzquartiers zur Lösung dringender Aufgaben für die universitäre Bildung in Freiberg insgesamt erforderlich wären.

Der Name Georg kommt aus dem griechischen und unter diesem Aspekt ist der Sparkurs unseres Finanzministers ja eigentlich beruhigend - bis auf die Tatsache, dass Stadt und Universität für das eben genannte Schlossplatzquartier im Vertrauen auf den Landesdoppelhaushalt der Jahre 2013/14 jetzt bereits gemeinsam weit mehr als 7 Mio. EUR für eine Landesaufgabe bereitstellen mussten, was selbst in Sachsen einmalig sein dürfte. Und wenn bei der Reichensteuer nun sogar mit 4,6 Mio. EUR im Jahr 2012 der mit Abstand größte Einzelbeitrag von Freiberg erwartet wird, dann klingt das sehr nach Preußenkönig Friedrich dem Großen während seines Freiberger Aufenthalts im Winter 1759/60: „Sachsen ist wie ein Mehlsack, man mag draufschlagen so oft man will, es kömmt immer etwas heraus“. Sachsen soll er gesagt haben, nicht Freiberg.
In der Ableitung und Zusammensetzung des Wortes bedeutet der Name Georg übrigens auch Erd-(be)-arbeiter. Das erklärt vielleicht, warum ein Fortschritt auf der Baustelle am Schlossplatz wegen weiterer archäologischer Grabungen trotz Zahlungen von Stadt und Universität nicht erkennbar ist oder erklärt wird. Aber vielleicht erbarmt sich ja Dietrich von Freiberg, der im Dominikanerkloster an eben dieser Stelle vor 750 Jahren die Schule besuchte, indem er sich das Problem zu Herzen nimmt. Er trägt schließlich Freiberg im Namen und das Schlossplatzquartier ist die letzte große und komplexe Maßnahme in der weitgehend sanierten Freiberger Altstadt.
Der neu gestaltete Schlossplatz wird jetzt auch dem Schloss und dem Krügerhaus gerecht und ist mit dem Silbermannhaus und dem künftigen „Unikomplex“ ein Juwel der Altstadt, die als nahezu geschlossenes Ensemble einmalig in Sachsen ist.
Es ist mir bewusst, dass der reichhaltige Bestand an kulturellen Werten identitätsstiftend für die Bürger ist und große Bedeutung für den Tourismus hat. Denkmale werden aber langfristig nur durch deren sinnvolle Nutzung erhalten. Und damit der Obermarkt zur Belebung der Innenstadt nicht mehr als Parkplatz herhalten muss, haben wir uns für ein Parkhaus in der Fischerstraße entschieden. Dieses neue Altstadtparkhaus erhitzte dann jedoch die Gemüter wegen der Einfahrt durch die Stadtmauer und dem Abriss eines Gebäudes, das als Denkmal nicht mehr gerettet werden konnte. Ich bin sicher, dass wir mit Abschluss der Baumaßnahme keinen Grund haben von einer Klagemauer zu sprechen. Und für den notwendigen Abriss des Gebäudes, in dem der König von Preußen im Siebenjährigen Kriege Quartier bezog, gibt es eine bemerkenswerte Interpretation, auch wenn Friedrich der Große seinen 300. Geburtstag hat. Die letzte Schlacht bei Freiberg am 29. Oktober 1762 war kriegsentscheidend. Die Freiberger erdulden Kämpfe, Entbehrungen und Plünderungen doch Sachsen hatte den Krieg verloren. Wer aber das Hauptquartier des Gegners einnimmt, der erfährt – nachträglich gewissermaßen Genugtuung für die Freiberger Bürger. Immerhin notierte damals ein Freiberger Ratsherr: „Freue dich Sachsen, dein Elend ist aus“.


» weiter