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WARUM "850" ?

Eine Urkunde zum Gründungsvorgang der Stadt Freiberg existiert nicht. Aber in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Wissen um die Frühgeschichte der Stadt beträchtlich erhöht. Das Erzgebirge und sein Vorland, also auch der Freiberger Raum, waren in ur- und frühgeschichtlicher Zeit nicht ständig besiedelt und größtenteils von Wald bedeckt. Seit der Mitte und in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde auch das Erzgebirge und sein Vorland im Rahmen des hochmittelalterlichen Landesausbaus durch deutsche Bauern kolonisiert. Über den Besiedlungsvorgang der Landschaft zwischen Großer Striegis und Freiberger Mulde sind wir durch den Inhalt der Stiftungsurkunde des Klosters Marienzelle (Altzelle) aus dem Jahre 1162 gut informiert. Demnach hatte Markgraf Otto von Meißen zwischen 1156 und 1162 den Auftrag erteilt, dieses 800 Hufen umfassende Gebiet zu roden. Es war mit der Anlegung von Dörfern begonnen worden, wozu auch Christiansdorf zählte. Markgraf Otto übertrug dieses große Stück Land 1162 dem Kloster zu dessen Ausstattung. 1168/69 waren auf Christiansdorfer Flur silberhaltige Erze entdeckt worden. Um die gefundenen oder vermuteten Erzgänge ausbeuten zu können, brachte der Markgraf Tuttendorf, Christiansdorf und Berthelsdorf wieder unter seine Herrschaft. Der Besitzerwechsel wurde in einem vor 1170 zwischen Markgraf Otto, dem Bischof Gerung von Meißen und der Klosterstiftung ausgehandelten, aber erst 1185 niedergeschriebenen Vertrag festgehalten.

Der Erzfund auf Christansdorfer Flur führte zu einer außerordentlich rasanten Entwicklung, die in dieser Form in Mitteldeutschland einmalig war. Innerhalb von nur einem Jahrzehnt entstanden seit 1168 nach der städtisch geprägten Bergleutesiedlung um die alte Jakobikirche eine Handwerker- und Kaufleutesiedlung um die Nikolaikirche und das ebenfalls städtische Burglehn zwischen der Burg (später Schloss Freudenstein) und der Kirche Unser Lieben Frauen (seit 1480 Stifts- oder Domkirche). Bereits um 1180 war die städtische Entwicklung so weit gediehen, dass eine Erweiterung notwendig wurde. Deshalb legte man die Oberstadt um die Petrikirche planmäßig nach dem Gitternetzschema an. Dieser Vorgang kann anhand mehrerer Holzstraßen zeitlich genau gefasst werden. Im Jahre 1183 erhielt die Weingasse einen solchen Straßenbelag, 1185 die Heubnerstraße und 1189 die Petersstraße. Die erstgenannten Holzstraßen umfassen auf zwei Seiten ein zur Oberstadt gehörendes Quartier. Im Unterschied zum früher angenommenen Zeitraum für die Entstehung der Oberstadt zwischen 1210 und 1218 steht heute fest, dass die Stadt Freiberg bereits um 1200 die mit Abstand größte Stadt in der Mark Meißen war.
Für die im Jahre 1938 durchgeführte 750-Jahrfeier gibt es keine historische Begründung. Sie wurde auf Drängen der Nazis aus politischen Gründen in diesem Jahr veranstaltet. 1986 beging Freiberg eine 800-Jahrfeier, die beim damaligen Kenntnisstand gerechtfertigt schien, obwohl man sich schon zu diesem Zeitpunkt des historischen Hilfsbegriffs Stadterhebung, der in keiner Quelle auftaucht, bedienen musste. Man nahm damals an, dass 1186 die bis dahin entstandenen Siedlungen um die Kirchen St. Jakobi, St. Nikolai und Unser lieben Frauen zur Stadt erhoben worden sind. Wie die oben kurz aufgeführten neuen Erkenntnisse aber belegen, hat die Stadt zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Jahrzehnt bestanden und ist seit dem Beginn der 80er Jahre des 12. Jahrhunderts um die Oberstadt erweitert worden.

Aus der urkundlichen Überlieferung wissen wir aber, dass zwischen 1156 und 1162 der Freiberger Raum besiedelt wurde, d. h. im Jahre 1162 Christiansdorf mit Sicherheit bestanden hat. Da sich aus großen Teilen von diesem Dorf und auf dessen Flur die Stadt Freiberg entwickelt hat, ist es gerechtfertigt im Jahre 2012 eine 850-Jahrfeier der Besiedlung des Freiberger Raumes oder kurz 850 Jahre Freiberg zu begehen. Wichtig ist aber, dass in diesem Zusammenhang nicht der Begriff Stadt benutzt wird, denn der Stadtwerdungsprozess begann erst nach 1168, wie oben erläutert.