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Stadt Freiberg | Stadtverwaltung | Bürgermeister
November 2009

Die Stadt Freiberg und ihre Technische Universität Bergakademie Freiberg

Artikel veröffentlicht in der Zeitschrift für Freunde und Förderer der TU Bergakademie - 16. Jahrgang 2009

Dieser Beitrag ist meine ganz persönliche Sicht als Oberbürgermeister auf die Tradition und Zukunft der Beziehungen von Stadt und Universität. Seit einem guten Jahr bin ich im Amt, aber bereits 1969 als Student nach Freiberg gekommen und habe seitdem hier meinen Lebensmittelpunkt. In den vier Jahrzehnten konnte ich die gegenseitigen Abhängigkeiten, Erwartungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen der Bergakademie und der Stadt Freiberg aus unterschiedlichen Blickwinkeln verinnerlichen.

Bürgermeister und Bergakademie
In der langen Geschichte unserer Stadt hat es mit Alexander Wilhelm Köhler nur einen Bürgermeister gegeben, der vor seiner Tätigkeit im Rathaus wichtige Funktionen in der Bergakademie begleitete. Köhler war Lehrer für Bergrecht an der Bergakademie Freiberg, Bergkommissionsrat, Oberbergamtssekretär und Direktor des Bergschöppenstuhls, bevor er von 1821 bis 1831 zum Freiberger Bürgermeister gewählt wurde.
Doch auch ehemalige Studenten versuchten schon öfter ihr Glück in der Kommunalpolitik. Einer der ersten Studenten der jungen Akademie, er hatte 1773 sein Studium aufgenommen, war Wilhelm Friedrich Siegmund Teucher. Zwischen 1795 und 1800 sowie 1801 und 1804 war er Chef des Freiberger Rathauses. Im 19. Jahrhundert war es dann noch der Bergamtsauditor des Bergamtes Freiberg, Dr. Franz Böhme, der nach seinem Studium und der Tätigkeit im Bergamt von 1890 bis 1894 in das Amt als Bürgermeister der Stadt Freiberg gewählt wurde. Seit 1962 haben alle Bürgermeister bzw. Oberbürgermeister unserer Stadt entweder als Student oder als Beschäftigte immer auch eine Verbindung zur Freiberger Bergakademie gehabt und die dadurch geförderte Symbiose hatte in den meisten Fällen eine fruchtbare Zusammenarbeit zur Folge. Nicht untersucht wurde bisher, welche Rolle Rektoren der Bergakademie auch ohne das Bürgermeisteramt innezuhaben in der städtischen Verwaltung oder Stadtentwicklung gespielt haben.

Universitätsstadt Freiberg
Freiberg ist eine Stadt, die sich weltoffen präsentiert, vor allem mit ihrer aufstrebenden und seit Jahrhunderten hier verwurzelten Bergakademie. Diese Universität steht wie keine andere Einrichtung für Freibergs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie prägt unsere Stadt heute ebenso wie einst das Silber. Vor dem Hintergrund des zunehmenden, immer härter werdenden Wettbewerbs zwischen den Universitäten, aber auch zwischen den Städten und Gemeinden als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorte, ist ein gemeinsamer professioneller Marktauftritt, sind gemeinsame Strategien von Stadt und Universität in steigendem Maß entscheidend für die künftige Entwicklung von Universität und Stadt. Das betrifft nicht nur die Qualität der Studiengänge und Marketingaktivitäten der Universität selbst, sondern auch die Vermarktung der Region um die TU. In diesem Sinne unterstützt die Stadt Freiberg mit dem offiziellen Titel „Universitätsstadt“ die Position der Bergakademie im universitären Wettbewerb. Andererseits ist die Universität wiederum ein wichtiger Imagefaktor als Werbebotschafter der Stadt Freiberg. Die Nacht der Wissenschaft und Wirtschaft im Juni dieses Jahres war mit 15.000 Besuchern bereits eine erfolgreiche Demonstration der besonderen Freiberger Potenziale als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort.

In seinem Tableau von „Freyberg“ schreibt Heinrich Keller vor 223 Jahren aus den Anfängen der Bergakademie: „Die Anzahl der hiesigen Bergstudenten ist nicht groß – sie beläuft sich auf etwa vierzig. Ausländer befinden sich gegenwärtig nicht mehr als 6 hier. Und neben dem Inspektor Abraham Gottlob Werner und Beamten der Bergbehörde unterrichtet nur ein Professor“. Zur gleichen Zeit gab es in der Stadt immerhin bereits 10.000 Einwohner. Leider ist die Entwicklung nicht proportional verlaufen. Heute hat Freiberg mehr als 40.000 Einwohner, dafür hat aber die Bergakademie rund 5000 Studenten und etwa 100 Professoren. Allerdings hat Freiberg heute etwa das dreifache des durchschnittlichen Gewerbesteueraufkommens in Sachsen und die TU Bergakademie ist eine der drittmittelstärksten Universitäten Deutschlands.

Die Synergieeffekte in den Beziehungen zwischen Stadt und Universität sind aber nach wie vor – auch nach fast 250 Jahren – vorhanden.
Wie es sich für eine Universitätsstadt gehört, gibt es für die Begründung dieser Entwicklung sogar eine Formel: Zukunft aus Tradition. Damit werden inhaltlich bereits substanziell begründete Überzeugungen und Grundhaltungen zum Ausdruck gebracht, die eigentlich nur noch in Visionen und Strategien umzusetzen sind.

Die Bandbreite der Zusammenarbeit zwischen Bergakademie und Stadt Freiberg war und ist dabei natürlich groß. Wie in einer Ehe - könnte man im übertragenen Sinn sagen, denn da gehen die Möglichkeiten der „Gemeinsamkeiten“ ja auch vom alltäglichen nebeneinander vor sich hin leben bis zur „gegenseitiger Befruchtung der Persönlichkeitsentwicklung“.
Auf jeden Fall galt und gilt es immer wieder neu, den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden. Das begann schon direkt am Tage der Gründungsfeierlichkeiten der Bergakademie am 12. Oktober 1765, an denen der damalige sächsische Administrator Xaver und der unmündige Kurfürst Friedrich August teilnahmen. Gemäß Protokoll vom 8.November 1765 beschäftigte den Freiberger Rat damals ein Problem, das uns heute geradezu aktuell erscheint. Man legte fest, „die hier und da ausgefahrenen Straßen auf das schleunigste zu reparieren“. Wenn das der Auftakt war, dann geht es heute immerhin schon um Straßenneubau im Campus und spätere Generationen werden die Geschichten um die Winklerstraße im Hinblick auf die Zusammenarbeit von Stadt und Universität dann auf ihre Art kommentieren.

Stadtentwicklung und Campus
Als der Bergbau kurz vor dem Ersten Weltkrieg eingestellt wurde, hatte die Stadt ein großes Interesse, die Entwicklung der Bergakademie als Arbeitgeber zu fördern. So wurde der Neubau der Mineralogischen Sammlung in der Brennhausgasse durch die kostenlose Bereitstellung des alten Bauhofgrundstücks durch die Stadt ermöglicht. Damit konnte auch erreicht werden, dass das immer stärkere Begehren der TH Dresden nach Angliederung der Bergakademie beendet wurde. Ein klassisches Beispiel von Wirtschaftsförderung, Strukturpolitik, Stadtentwicklung und gemeinsamer Strategien.

Bis 1916 fand das bauliche Wachstum der Hochschule ausschließlich in der Altstadt statt. Erst 1921/24 begann mit der Errichtung des Braunkohlenforschungsinstitutes an der Einmündung der Agricolastraße in städtebaulich exponierter Lage die Bebauung des späteren Hochschulgeländes. Die Mitteilung des Dresdner Ministeriums für Volksbildung vom Januar 1939, alle künftigen Neubauten in einem „Hochschulgelände“ zu errichten, dokumentierte erstmalig das Ziel einer künftigen Hochschulstadt und war damit Grundlage der Verbannung der Studenten aus der Freiberger Innenstadt.
Nach 1945 erfolgte eine Ausweitung dieser Bebauung. Dass diese Erweiterung im Wesentlichen an der Stadtverwaltung vorbeiging, bleibt mir nur festzustellen. Ihren Abschluss finden die Planungen zur Hochschulstadt in einer Studie von 1971, auf deren Grundlage auch das Internatshochhaus an der Winklerstraße errichtet wurde. Vorgesehen war damals aber bereits eine städtebauliche Anbindung an die Altstadt durch Inanspruchnahme des Schlüsselteichgeländes.
Für die folgenden Bauten der Hochschulstadt – die Mensa und die Bibliothek – die dem Campus 1978 endlich auch ein Zentrum gaben, konnten allerdings auch keine städtebaulichen Planungen nachgewiesen werden.

Ganz anders stellt sich die Situation im Jahr 2009 dar. Der Schlossplatz wird demnächst als Ausgangspunkt für einen Wissenschaftskorridor zwischen Altstadt und Campus umgestaltet und eine besondere Bedeutung für die Beziehungen von Stadt und Universität erlangen. Als Tor zur Altstadt mit Schloss Freudenstein, Silbermannhaus, Krügerhaus und dem Schlossplatzquartier wird dieser Platz zu einem zentralen Anlaufpunkt für die Freiberger, Studenten und Gäste.
Mit einem Wettbewerbsbeitrag bei „Ab in die Mitte! Die City-Offensive Sachsen“ hat sich die Stadtverwaltung im Jahr 2008 dieser komplexen Entwicklung im Bereich Schlossplatz gestellt. Das Konzept einer „Erlebnistiefgarage“ und die attraktive Umgestaltung des Platzes wurden von der Jury mit dem 1. Preis gewürdigt. Der Stadtrat hat im August 2009 einstimmig für eine Realisierung bis 2011 votiert.

Der Bau der Umgehungsstraße wird zukünftig einen erheblichen Stellenwert für den Campus haben, den man heute noch nicht in seiner Gesamtheit einschätzen kann. Die Leipziger Straße, die den Campus teilt, wird ihren Status als Bundesstraße verlieren und fällt damit in die Hoheit der Stadt Freiberg. Es ist in davon auszugehen, dass das Verkehrsaufkommen danach drastisch sinkt. Wenn die Straße ihre trennende Wirkung zwischen den beiden angrenzenden Campusbereichen verliert, ergeben sich völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten im Interesse der Universität und der Stadtentwicklung auf beiden Seiten des Campusgeländes.

Schloss Freudenstein und terra mineralia
Der erste Versuch, im Schloss Freudenstein die ein Jahr zuvor gegründete Bergakademie unterzubringen, wurde durch das sächsische Finanzministerium 1766 unternommen, die dem zuständigen Freiberger Oberbergamt das marode und verfallene Schloss zur Nutzung anbot.
Es sollte aber noch über 150 Jahre dauern, bis diese Idee umgesetzt wurde. In das südliche Schmale Haus zog das neu gegründete Institut für Brennstoffgeologie der Bergakademie im Jahr 1927 ein und 1937 forderte der Rektor der Bergakademie von der Landesregierung einen Ausbau von Schloss Freudenstein für die Hochschule.

Prof. Georg Unland, der spätere Finanzminister Sachsens, war als Nachfolger im Amt des Rektors erfolgreicher. Diesmal war es aber nicht der Freistaat, der die Idee umsetzen sollte – denn 2004 wurde mit der Sanierung des Schlosses das bis dahin größte Objekt der Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Bergakademie, mit Unterstützung der Landesregierung und mit europäischen Fördermitteln in Angriff genommen.
Heute sind im Schloss die Mineraliensammlung „terra mineralia“ der TU Bergakademie, das Sächsische Bergarchiv und die Gaststätte „Genuss im Schloss“ untergebracht.
Über die Stadtmarketing GmbH nutzt die Stadt selbst den Schlosshof für unterschiedliche Veranstaltungen. Glanz, Wissen und Genuss werden so durch buntes Leben ergänzt. Vor der Fertigstellung steht das Gebäude Schlossplatz 3, das ehemalige Amtshaus, das durch die Familie Krüger für die Universität saniert wird. Neben der Nutzung durch Fachbereiche werden in diesem Haus vor allem deutsche Mineralien ausgestellt

Schlossplatzquartier und Wissenschaftskorridor
Die Verbindung zwischen dem Campus und Freiberger Altstadt nimmt als „Wissenschaftskorridor“ immer mehr Konturen an. Mit der Sanierung des Schlossplatzquartiers kann man künftig ausgehend vom Universitätshauptgebäude in der Akademiestraße über den Schlossplatz weiter über die Silbermannstraße die Altstadt verlassend, entlang am Rüleinsportkomplex und Messeplatz, den Campus erreichen.
Universität und Stadt sind noch enger zusammengerückt und werden als Gesellschafter einer Projektgesellschaft gemeinsame Bauherren, um im Schlossplatzquartier zwischen Prüferstraße und Schlossplatz mit einem neuen Hörsaalzentrum ein für den Hochschulstandort Freiberg Richtung weisendes Projekt zu realisieren. Die Entscheidung der TU Bergakademie und der zuständigen Ministerien, die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät mit ca. 1100 Studenten und 100 Mitarbeitern sowie das Internationale Universitätszentrum „Alexander von Humboldt“ in die Altstadt zu legen, ist ein wichtiger strategischer Vorgang für die Identität der Bergakademie und zur Stärkung der Freiberger Innenstadt. Der Name Universitäts-Stadt bekommt damit als Studenten-Stadt einen ganz neuen Inhalt.

Studentenstadt Freiberg
Das studentische Leben spielte seit der Gründung der Bergakademie für die Stadt Freiberg schon immer eine besondere Rolle; allerdings im Lauf der Zeiten in unterschiedlicher Art. In der Festgabe zum 300. Jahrestag der Gründung der Stipendienkasse durfte ich mit meinen Erinnerungen an die Studentenzeit zur Gestaltung beitragen und habe meine Sicht auf die 60-er und 70-er Jahre wie folgt beschrieben:
„...Die Stadt Freiberg war für uns während der Studienzeit vielleicht interessanter als für heutige Studenten. Aber dieser Rückblick ist sicher das Ergebnis romantischer Verklärung, denn eine spezielle Art von Wirtschaft hat für uns eine besondere Rolle gespielt. Unser Campus war die Stadt....“

Heute findet man studentisches Leben im Wesentlichen leider nur im Campus außerhalb der Altstadt. Noch – denn mit Wissenschaftskorridor und Hörsaalzentrum am Schlossplatz sind neue Weichen gestellt. Der bereits genannte Wettbewerb „Ab in die Mitte! Die City-Offensive Sachsen“ lief in diesem Jahr unter dem Thema: „Integration Stadt – statt Barrieren“. Die Stadt Freiberg hat sich im Hinblick auf das neue Hörsaalzentrum mit dem Projekt beteiligt: „Studenten überwinden Barrieren – Studenten erobern Freibergs Mitte“. Und schließlich soll beginnend mit dem Wintersemester 2009 in einer gemeinsamen Aktion von Stadt, Universität, Studentenwerk und Theater ein „Freiberg-Diplom / diploma fribergensis“ an „wahre Studenten“ vergeben werden, die „echte Freiberger“ werden wollen. Innerhalb von 100 Tagen sind 12 Aufgaben zu lösen, um die neue Heimatstadt kennen zu lernen.

Bergstadt mit Lehr-, Forschungs- und Besucherbergwerk
Das Lehr- und Forschungsbergwerk "Himmelfahrt-Fundgrube" - Schacht "Reiche Zeche" ist ein besonderes Beispiel für das Zusammenwirken von Bergakademie, Stadt und Landkreis. Das Institut für Markscheidewesen und angewandte Geodäsie der TU Bergakademie betreibt als Hausherr der Reichen Zeche die Schachtanlage und nur weil vor Jahrzehnten der Entschluss in der Bergakademie gefasst wurde, mit der Einstellung des Freiberger Bergbaus einen Grubenbereich für die Ausbildung der Studenten zu erhalten, können wir heute auch eines der größten Besucherbergwerke der Welt betreiben.
Wenn das künftig aber im gleichen Atemzug mit dem schönen Gesicht der TU Bergakademie, der terra mineralia, oder dem Freiberger Dom genannt werden soll, sind noch viele Veränderungen erforderlich, um das Lehr- und Forschungsbergwerk auch für Touristen noch besser zu vermarkten und die Untertageanlagen als Erlebniswelt in historischem Rahmen den Besuchern näher zu bringen.
Vielleicht gibt es dafür künftig ja auch noch ganz neue Möglichkeiten, die Beziehungen von Stadt und Universität nicht nur als Universitätsstadt, sondern als Silberstadt im Qualitätssprung auf ein völlig neues Niveau zu bringen. Das Großprojekt „Basisstolln – Silberberg“ mit Rampenausbau auf der Reichen Zeche, könnte sowohl bei Forschungsprojekten, als auch beim Ausbau von Besuchertrakten die Diskussion in ganz neuen Dimensionen ermöglichen.

Die entstehenden standsicheren, bergmännischen Hohlräume wären gleichzeitig auch eine hervorragende Voraussetzung für die Erweiterung geothermischer Energiegewinnung.
Denn das Projekt geothermischer Grubenwassernutzung für die Beheizung und Klimatisierung des Schlosses Freudenstein ist bereits ein Beispiel dafür, dass gute Zusammenarbeit von Stadtverwaltung und Universität auch mit einem ausgeglichenen Geben und Nehmen verbunden ist.

Die Universität im Leitbild der Stadt
Die Stadt Freiberg sieht sich als weltoffene und lebenswerte Stadt im 21. Jahrhundert. Dies wurde in den durch den Stadtrat 2004 beschlossenen neun Leitbildern dokumentiert. Eines der wesentlichsten Leitbilder heißt „Universitätsstadt und innovativer Wirtschaftsstandort.“
In den Leitlinien geht es um die Förderung von Zukunftstechnologien, um die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft, um die Nutzung vorhandenen Potenzials und neuer Entwicklungsperspektiven, um den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen, um Wirtschaftsförderung und darum, als wirtschaftliches Zentrum auch Motor der Wirtschaftsregion zu sein.

An erster Stelle steht richtig die Förderung von Zukunftstechnologien: „Freiberg entwickelt sich als führender Wirtschaftsstandort der Material- und Werkstofftechnik, der Halbleiterindustrie und der erneuerbaren Energien in Forschung, Entwicklung und Produktion weiter und gewinnt als Investitionsstandort für Hochtechnologien dieser Branchen eine noch größere Bedeutung. .... Dazu baut Freiberg seine nationale und internationale Stellung bei der anwendungsorientierten Forschung, Entwicklung und Produktion dieser Branchen einschließlich ihrer örtlichen Nutzung weiter aus und bemüht sich um Ansiedlung weiterer innovativer Unternehmen“.

Wenn wir aber von Zukunft aus Tradition und den Beziehungen der Stadt zu ihrer TU Bergakademie sprechen, dann ist die Formulierung “...Freiberg nutzt aktiv das historisch gewachsene industrielle Potenzial in der Montan- und Recyclingwirtschaft ...“ - offensichtlich nicht ausreichend, denn weiter geht es im Text: “Daneben ist Freiberg bereits Standort bedeutender sächsischer Unternehmen der Ernährungswirtschaft und dokumentiert somit in seiner industriellen Weiterentwicklung den Wandel in einer über Jahrhunderte von Bergbau und Hüttenwesen geprägten Landschaft zu einem ökologisch geeigneten Standort der Nahrungs- und Genussmittelindustrie in Deutschland und orientiert auf weitere Ansiedlungen“. Der kurze Hinweis, das „traditionelle Potenzial“ Rohstoffwirtschaft aktiv zu nutzen greift aus heutiger Sicht zu kurz. Die sich entwickelnde Ressourcenwirtschaft und eine sich in dieser Hinsicht profilierende Bergakademie haben das Leitbild der Stadt Freiberg von 2004 an dieser Stelle bereits heute überholt.

Die gegenwärtige Entwicklung im Rohstoff- und Energiebereich bietet der Bergakademie einmalige Chancen, ihr „traditionelles“ Profil in der ganzen Breite auszubauen. Dieses besondere, fast einmalige Potenzial einer technischen Universität mit den 4 Säulen Geo/ Material/ Energie/ Umwelt sichert der Bergakademie einen Wettbewerbsvorteil in der sonst sehr „austauschbaren“ Hochschul- und Universitätslandschaft Deutschlands, vielleicht sogar Europas und ist die Basis einer einmaligen „Ressourcenuniversität“.
Wenn Land und Bund bereits den Aufbau eines nationalen Kompetenzzentrums für Ressourcen an der Bergakademie Freiberg unterstützen, dann muss das bei einer Fortschreibung der Leitbilder der Stadt auch „nachhaltig“ zum Ausdruck kommen.

Montanregion Erzgebirge
Das Bergbau- und Hüttenwesen hat über Jahrhunderte hinweg dem Gesicht der Stadt und der umgebenden Landschaft eine einmalige Kontur verschafft. Die Frage nach umweltgerechter und zugleich wirtschaftlicher Sanierung von Industriedenkmälern gewinnt hier vor diesem Hintergrund natürlich besondere Bedeutung. Ein wichtiges Anliegen der Stadt Freiberg ist deshalb die „Montanregion Erzgebirge“ mit dem Ziel, das Erzgebirge als Industriekulturlandschaft mit ausgewählten Objekten zum UNESCO-Weltkulturerbe zu entwickeln. Diese Bestrebungen beschreiben letztendlich das Ziel, das Erbe des Bergbaus und des Hüttenwesens nicht nur als Bestandteil der Kultur, des gesellschaftlichen Lebens, sondern auch als unverwechselbaren Bestandteil der Landschaft und des Stadtbildes zu vermarkten.

Dabei gibt es keinen Gegensatz von Denkmalschutz und Wirtschaftsförderung. Historische Haldenlandschaft, Schachtanlagen, wasserwirtschaftliche Anlagen und ganze Bauensembles der Hüttenindustrie sind und werden ein wichtiger Faktor auch für den Tourismus. Sie sind eine wirtschaftliche Ressource, deren Potenziale noch lange nicht ausgeschöpft sind.

Dass die Montanregion Erzgebirge zukunftsweisende Entwicklungen vorweisen kann, zeigen die Revitalisierungsmaßnahmen der Hüttenstandorte im ehemaligen Freiberger Revier. Die Ansiedlung von moderner Technologie, die Nutzung von neuen Energien und der gleichzeitige Erhalt von Industriedenkmälern an diesen Standorten dokumentieren überzeugend, dass zukunftsweisende Entwicklung und Tradition nebeneinander bestehen können.

Die Bergakademie ist dabei, sich auf diesem Gebiet als Kompetenzzentrum zu profilieren und deshalb war der 14. Weltkongress für Industriearchäologie und Industriedenkmalpflege Anfang September 2009 für Freiberg ein Ereignis mit besonderem Stellenwert. Wir stehen damit in einer Reihe mit Hauptstädten wie London, Moskau und Rom, die in der Vergangenheit Austragungsorte waren und wir sehen es als Chance und Verpflichtung an, dass Freiberg nach Bochum im Jahre 1975 deutschlandweit der zweite Veranstaltungsort für dieses internationale Treffen war. Schließlich war die damalige Tagung die Initialzündung, um im Ruhrgebiet die Grundlagen für eine hervorragende touristische Erschließung der Industriedenkmale zu schaffen. Essen als Kulturhauptstadt Europas 2010 wäre ohne diese Entwicklung heute nicht denkbar.

Universitätsstadt mit Energie
Es ist ein Kompliment für Freiberg, wenn man die alte Bergstadt als Universitätsstadt, als Silberstadt, als Solarstadt oder Stadt der neuen Energien bezeichnet. Auf diese Vielfalt kann Freiberg stolz sein. Doch egal wie unsere Stadt bezeichnet wird - Freiberg liegt als größte Stadt im Dreieck zwischen Leipzig – Dresden - Chemnitz im Zentrum der Metropolregion Mittelsachsen und ist ein Knoten im Netzwerk der Regionen wenn es darum geht, Synergien zu nutzen, Verbindungen bei Zukunftstechnologien zu knüpfen und insbesondere alle Themen der Werkstoffentwicklung, der neuen Energie und der effizienten Nutzung von Rohstoffen und traditionellen Energieträgern für den Mittelstand auf die Agenda zu setzen.

Die Behandlung dieser Themen ist ein Gebot der Stunde, aber vor allem eine Chance für die Akteure in Forschung und Entwicklung, Technik und Technologie, die sich konsequent dieser Aufgabe stellen und gegebene Möglichkeiten nutzen. Im engen Verbund mit der TU Bergakademie ist das vor allem jetzt besonders interessant, wenn wir von der Zukunfts-Chance Mittelsachsens und des Erzgebirges sprechen, denn Freiberg kann mehr als Motor der regionaler Wirtschaftsentwicklung.

Zurück in die Zukunft könnte man deshalb auch sagen, wenn es darum geht, sich der vorhandenen Stärken bewusst zu werden. Denn die bisherigen Erfolge in unserer Stadt waren natürlich nur möglich, weil auch dafür die entsprechenden Ressourcen vorhanden sind.
Die TU Bergakademie Freiberg schafft den dazugehörigen Nährboden für den Erfahrungsaustausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Darauf aufbauend sind vorhandene Forschungslandschaften, die Konzentration von Fachkräften, die innovativen Unternehmen, Initiativen und Engagement ein Alleinstellungsmerkmal, das es auszubauen gilt, um weitere Synergieeffekte in Freiberg zu erreichen. Es muss noch stärker gelingen, klugen Köpfen in Freiberg eine Perspektive zu geben.
Wo sind denn die Traditionen und wegweisende Entwicklungen der nachhaltigen und sicheren Bereitstellung von Ressourcen, Materialien und Energie zu Hause, wenn nicht hier.

Das Marketingkonzept der Stadt beschreibt Freiberg als Innovationsstandort. Die Ansiedlung zukunftsorientierter Technologien erfolgt danach auch im Zusammenspiel mit den wissenschaftlichen Aktivitäten der Universität als Grundlage für die Clusterbildung in diesem Sektor. Dabei geht es um die weitere Ansiedlung rohstoffrelevanter Industrien, um Anerkennung und Vermarktung der Rohstoffwirtschaft als Hightech- und Zukunftsbranche und um Wirtschaftsförderung durch Standortentwicklung in Verantwortung der Stadt Freiberg.
Die Stadt kann und wird diesen Prozess natürlich im komplexen Sinn auch durch Partnerschaft, Rahmenbedingungen und mit dem das Potenzial kultureller Traditionen maßgeblich unterstützen.

Wissenschaftsstadt
Ein Erfolg bei der Bewerbung um die Auszeichnung „Stadt der Wissenschaft“ ist unter diesen Bedingungen ehrgeiziges aber erreichbares Ziel. Nach dem vergeblichen Versuch aus dem Jahr 2005 sollte ein realistischer Zeitraum der Antragstellung jetzt mit dem Jubiläum der Bergakademie im Jahr 2015 in Verbindung stehen. Ich freue mich auf das Jubiläum „250 Jahre Bergakademie“ zum Ende meiner Amtszeit und garantiere, dass die Stadt Freiberg zur Vorbereitung einen gewichtigen Beitrag leisten wird. Ich hoffe zumindest, dass es auch bei 2015 bleibt, denn wie das Leben am Beispiel der Stadt Freiberg zeigt, sind solche Termine nicht unbedingt sicher. Zum Glück hat die Bergakademie - im Gegensatz zur Stadt Freiberg - eine aussagekräftige Urkunde vom 21. November 1765. Sicher ist aber auch – davon darf ich ausgehen - dass die Bergakademie natürlich einen gewichtigen Beitrag für die Feierlichkeiten anlässlich der 850 Jahre Freiberg im Jahr 2012 leisten wird.

Die Stadt Freiberg mit mittelalterlichem Flair - geprägt durch Reichtum und Wohlstand, den 800 Jahre Silberbergbau brachten - ist ein moderner, weltoffener und leistungsfähiger Wirtschaftsstandort. Die Bergakademie Freiberg ist eine Technische Universität mit weltweit gutem Ruf durch praxisnahe Forschung, hervorragend bewerteter Ausbildung sowie international angesehenen Wissenschaftlern.

Gemeinsam stellen wir uns den Anforderungen der Zukunft. Da ist es doch gut, dass die Bergakademie Freiberg als einzige Universität weit und breit eine ganze Stadt hat.

Glück auf!