Blutsamstag

Der Freiberger Blutsamstag 1923

Der 27. Oktober 1923 ging als Blutsamstag in die Geschichte Freibergs ein. Am heutigen Platz der Oktoberopfer vor dem Kornhaus starben durch Gewehrschüsse der Reichswehr 29 Menschen, darunter auch ein 13-jähriger Schüler, 22 wurden schwer verletzt, 60 verwundet, weil eine Demonstration außer Kontrolle geriet.

Lesen Sie mehr über die Nachkriegszeit in Freiberg und über die Unruhen 1923 im Grußwort des Oberbürgermeisters Sven Krüger vom 27. Oktober 2023.

Gedenkwort des Oberbürgermeister: Hunger, Geldentwertung und Arbeitslosigkeit – die Nachkriegszeit vor 100 Jahren und der Blutsamstag 1923 in Freiberg

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen, dass Sie trotz des Regens, hier heute erschienen sind, um gemeinsam den Opfern von vor 100 Jahren zu gedenken.
In meinem Gedenkwort möchte ich Sie zunächst mit zurücknehmen in das Freiberg vor etwas mehr als 100 Jahren. Die umliegenden Gebäude, die Sie hier sehen, gab es damals schon.
Ansonsten war vieles anders als heute:
In Freiberg mangelte es an Nahrung. Seit 1915 wurden zunächst Brot, später Fleisch, Kartoffeln, Butter, Milch auf Zuteilung ausgegeben. Volksküchen brachten die Einwohner 1916/17 über den Winter.
Als der erste Weltkrieg 1918 vorüber ist, trauern Angehörige in ganz Europa über den Tod von 17 Mio. Menschen, darunter rund 4.000 Soldaten aus Freiberg. Aus der Zeitung entnahmen die zurückgebliebenen Bürger oft die Mitteilungen über die Toten
Enttäuschung, Trauer, Kriegsmüdigkeit, Hunger – waren 1918 an der Tagesordnung. Die Bewohner kamen nicht zur Ruhe:
1920 der Kapp-Putsch und Aufstände 1920 und 1921 spiegeln die aufgewühlte Stimmung wider. Der Vertrag von Versailles mit den großen Reparationsforderungen lastete auf den Bürgern.
 Auch 1923, fünf Jahre nach Kriegsende, war die Versorgungslage in der Stadt schlecht. Es mangelte an Brennmaterialien, wie Kohle. Bürger erhielten weiterhin Brot und Essen auf Zuteilung. Man frierte und hungerte in Freiberg vor 100 Jahren.
Die Arbeitslosigkeit stieg an, was zu Kundgebungen schon im Januar 1923 führte. Die Inflation 1923 steigerte sich immens.
Ein Pfund Fleisch kostete im Februar 1923 noch 4.000 Mark, im Oktober 1923 schon 3 Billionen 200 Milliarden Mark. Vier Pfund Brot im Februar 700 Mark, im Oktober 840 Milliarden Mark.
Im Sommer 1923 stiegen die Preise in Freiberg noch alle paar Tage an. Im Herbst dagegen schon alle paar Stunden. Man war gezwungen mit dem ausgezahlten Geld sofort zum Einkaufsladen zu rennen, um einen Wertverlust zu vermeiden.  
Auch politisch spitzte sich die Situation zu: Seit April 1923 regierte ein Minderheitskabinett mit dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Dr. Zeigner in Sachsen.
Da man in Berlin meinte, dass diese Regierung keine Ordnung und Sicherheit schaffen könnte, verhängte die Reichsregierung am 26. September 1923 nach Artikel 48 der Weimarer Verfassung den Ausnahmezustand über Sachsen.
Umgehend wurden Reichswehrsoldaten nach Sachsen entsandt. Am 19. Oktober kamen diese in 80 Eisenbahnzügen an. Am 22. Oktober folgten weitere.  
Umzüge und Verordnungen unter freiem Himmel wurden schon am 28. September auch in Freiberg untersagt. Dennoch gab es Unruhen. Dazu ein Zitat des Diensthabendenden Oberstleutnantes:
„Die Unruhen in der Stadt in der Nacht vom 28. zum 29. September haben erkennen lassen, daß allen Belehrungen zum Trotz Zuschauer und Neugierige sich in den Straßen aufhalten. Ich warne die Einwohner Freibergs zum letztenmal.
Jeder muss sich darüber klar sein, daß mit dem Einsatz der Reichswehr die Notwendigkeit von der Schußwaffe Gebrauch zu machen, jederzeit gegeben sein kann.“
Das schreckte die Bürgerinnen und Bürger nicht vor Plünderungen ab.
Am 23 Oktober etwa, plünderten vor allem junge Männer, meist arbeitslos, die Lebensmittelgeschäfte, um für Ihre Familien ein Pfund Malzkaffee, ein Zweitpfundbrot oder eine halbe Wurst zu entwenden.
Sie sehen anhand der Kleinigkeiten, es ging hierbei rein ums Überleben, nicht um große persönliche Bereicherungen.
Zum negativen Höhepunkt dieser Zeit kam es dann am 27. Oktober hier an dieser Stelle. Gegen 16 Uhr wurden vier Soldaten auf dem Hauptpostamt von einer aufgeregten Menschenmenge eingesperrt. Der Postdirektor fordert deswegen Verstärkung an. 15 Minuten später erscheinen wahrscheinlich 16 Soldaten auf einem LKW vor dem Postgebäude. Die derweil frei gekommenen Soldaten steigen auf. Die Menschenmenge bedroht das Kommando. Steine fliegen in Richtung der Reichswehr. Der LKW fährt ein Stück aus der Menge raus und ein Obergefreiter erteilt den Schießbefehl, weil laut Obergefreiten, einige Demonstranten versuchten den Soldaten die Gewehre zu entreißen.
Eine Minute lang ertönen Schüsse. Die Soldaten verlassen auf dem LKW den Platz.Und das große Unglück wird sichtbar: Tote Menschen bleiben auf der Straße zurück. Einige Personen versuchen Verletzte noch in die Hauseingänge zu ziehen und erste Hilfe zu leisten.  Auch später am Tag feuern Soldaten in der Stadt.
Hier am Platz der Oktoberopfer, starben  29 Menschen, 22 wurden schwer verletzt, 60 verwundet. Von der Garnision folgt der Befehl die Verstorbenen auf den Friedhof zu bringen und dort aufzubewahren bis zur Beerdigung. Am 31. Oktober werden die Toten auf dem Donatsfriedhof beigesetzt.
Heute, 100 Jahre später, gedenken wir den Toten Freibergerinnen und Freibergern, das ältestes Opfer 53, das jüngste 13.
Hinter mir am Kornhaus finden Sie deren Namen angeleuchtet. Sie erinnern uns an die Opfer der Schießerei vor 100 Jahren.
Und zugleich machen Sie uns bewusst, dass wir glücklich sein können, dass diese Zustände überwunden sind, wir in Frieden und Ruhe hier leben können, Hunger, stetiger Währungsverfall, große Arbeitslosigkeit und Unsicherheit sowie bewaffnete Soldaten der Reichswehr  in Freiberg eben nicht zum Alltag gehören.

Glück auf!

Zum 100. Jahrestag: Kunst aus Licht erinnert an Freiberger Blutsamstag

Zum 100. Jahrestag: Kunst aus Licht erinnert an Freiberger Blutsamstag

Zwei Veranstaltungen zu Ereignis vor 100 Jahren: Freiberger Geschichtsstunde am 19. Oktober und Gedenkveranstaltung am 27. Oktober
Auf dem heutigen Platz der Oktoberopfer ereignete sich vor 100 Jahren eine Tragödie.  Am 27. Oktober 1923 überfiel ein Stoßtrupp der Reichswehr Demonstranten und richtete ein Blutbad an. 29 Menschen starben, darunter auch ein 13-jähriger Schüler, 22 wurden schwer verletzt, 60 verwundet. Mit einer Gedenkveranstaltung am Freitag, den 27. Oktober, 18 Uhr, auf dem Platz der Oktoberopfer möchte die Stadt Freiberg an die Opfer dieses Blutbades erinnern und das Bewusstsein der Freiberger für diesen geschichtsträchtigen Platz schärfen. Oberbürgermeister Sven Krüger: „Wir wollen der Opfer gedenken und zugleich ins Bewusstsein rücken, warum der Platz der Oktoberopfer seit 78 Jahren diesen Namen trägt. Um möglichst viele Menschen darauf aufmerksam zu machen, bedienen wir uns der Kunst aus Licht.“ Mit der Kraft von acht bis zehn Overhead-Projektoren werden Kornhaus und Denkmal mit einer großflächigen Lichtinstallation ummantelt. Die Leuchtkraft ist so stark wie 500 LED-60-Watt-Leuchten. Die Lichtinstallation wird ausschließlich an diesem Abend, bis etwa 22 Uhr, zu sehen sein.
In der Reihe "Freiberger Geschichtsstunden" gibt es bereits am Donnerstag, den 19. Oktober einen Vortrag über das damalige Ereignis. Prof. Dr. Mike Schmeitzner wird ab 19 Uhr in der Stadtbibliothek im Kornhaus über „Das Freiberger Blutbad vom Oktober 1923“ referieren. Der Eintritt ist frei.
Um die Grafiken der Künstlerin auf den Wänden des Kornhauses sichtbar zu machen, ist es notwendig, die umliegenden Straßenlaternen an der Korngasse und entlang der Ringanlage am 27. Oktober, bis 22 Uhr und bereits am Vortrag, 26. Oktober bis 24 Uhr, auszuschalten. Die Künstlerin richtet zu diesem Zeitpunkt die Overheadprojektoren ein. Es ist daher Vorsicht geboten, da es möglicherweise zu eingeschränkten Sichtverhältnissen kommen kann.

Orte des Erinnerns in der Stadt

Die Opfer des Blutsamstags wurden am 31. Oktober 1923 auf dem Donatsfriedhof beigesetzt. 26 Grabsteine wurden für sie errichtet. Wenige Tote mussten in einem Sammelgrab beerdigt werden.

Seit 1945 trägt der Platz vor dem Kornhaus offiziell den Namen „Platz der Oktoberopfer“. Den Toten der Schießerei zu Ehren wurde an dieser Stelle ein Denkmal errichtet. Es trägt die Namen der Verstorbenen.


Mittelsachsen – Freiberg mittendrin

Der Verwaltungssitz des Landkreises Mittelsachsen befindet sich in Freiberg. Für Bürger der 53 mittelsächsischen Kommunen, davon 21 Städte, ist er Ansprechpartner u.a. für KfZ-Zulassungen oder Kindergeldanträge und betreibt das Jobcenter Mittelsachsen.

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